Eine knappe Autostunde südwestlich von Florenz liegt ein Ort, den bis vor Kurzem selbst viele Italiener nicht kannten: Peccioli in der Toskana wurde 2024 zum Borgo dei Borghi gewählt, zum schönsten Dorf Italiens. Der Titel wird jedes Jahr in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Senders RAI vergeben, in der zwanzig Orte gegeneinander antreten. Peccioli gewann nicht mit Postkartenidylle, sondern mit zeitgenössischer Kunst.
Das Video der Gemeinde ist auf Italienisch, gibt aber einen guten Eindruck von der Lage über dem Era-Tal.
Vom etruskischen Gräberfeld zur Gemeinde
Besiedelt ist die Gegend seit der Jungsteinzeit. Ihre erste Blüte erlebte sie in etruskischer Zeit, als hier eine Siedlung mit ausgedehnter Nekropole entstand, abhängig vom nahen Volterra. Aus römischer Zeit hat sich auf dem Colle Mustarola eine ländliche Zisterne erhalten. Nach dem Ende des Weströmischen Reiches folgten unruhige Jahrhunderte unter langobardischer Herrschaft.
Im Mittelalter wurde Peccioli Podesteria der Republik Pisa und wuchs später unter dem Einfluss von Lorenzo il Magnifico weiter. Seit der italienischen Einigung ist es eine Gemeinde, zu der auch die Ortsteile Fabbrica, Ghizzano, Legoli, Montecchio, Montelopio, Libbiano und Cedri gehören. Der mittelalterliche Kern mit seinem freistehenden Glockenturm ist bis heute erhalten.
MACCA: das Museum unter freiem Himmel
Das MACCA ist kein Haus, sondern ein Konzept: Über siebzig Werke zeitgenössischer Kunst verteilen sich über das gesamte Gemeindegebiet, meist großformatige Installationen im öffentlichen Raum. Eingeladene Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit dem Ort, nicht gegen ihn – ein Rundgang durch Peccioli ist deshalb zugleich ein Spaziergang durch das Dorf.
Bemerkenswert ist auch, wie das Ganze finanziert wird. Die Gemeinde ist Mehrheitseignerin des Betreibers der örtlichen Abfallbehandlungsanlage in Legoli und steckt die Erträge daraus seit über dreißig Jahren in Kultur und Infrastruktur. Kunst aus der Mülldeponie: Ohne dieses Modell gäbe es weder das MACCA noch den Titel als schönstes Dorf Italiens.
Endless Sunset
Von Patrick Tuttofuoco, fertiggestellt 2020. Ein durchlaufendes Band aus Edelstahl begleitet die Fußgängerbrücke, die den historischen Kern mit dem neueren Teil des Ortes verbindet, und gibt in seiner Färbung die Farben des Sonnenuntergangs wieder. Ein Geländer, das zugleich Skulptur ist. Mehr dazu auf peccioli.net.
Palazzo Senza Tempo
Von Mario Cucinella, fertiggestellt 2022. Der Umbau eines alten Palazzos endet in einer weit ins Tal auskragenden Terrasse. Man tritt aus dem Gebäude heraus und steht scheinbar frei über der Landschaft – der beste Aussichtspunkt des Ortes. Mehr dazu auf peccioli.net.
Presenze
Von der Gruppe Naturaliter, 2011. Vier riesige Figuren, drei bis neun Meter hoch, steigen aus der Erde: teils an der Abfallanlage von Legoli, teils am Amphitheater Fonte Mazzola. Die Botschaft ist so direkt wie das Material, aus dem der Ort seine Mittel bezieht – aus Abfall kann neues Leben entstehen.
Alle Werke und ihre Standorte finden Sie auf der offiziellen Seite peccioli.net.
Anreise von Florenz
Peccioli eignet sich gut für einen Tagesausflug. Für den Ort selbst reichen drei bis vier Stunden, mit den Ortsteilen und dem Amphitheater wird ein ganzer Tag daraus.
- Mit dem Auto: über die mautfreie Schnellstraße FI-PI-LI bis zur Ausfahrt Pontedera, dann rund zwanzig Minuten über Land. Insgesamt etwa eine Stunde. Geparkt wird außerhalb des historischen Kerns, kostenlos.
- Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Regionalzug von Florenz Santa Maria Novella nach Pontedera-Casciana Terme, etwa eine Stunde, dann Bus nach Peccioli. Rechnen Sie mit gut anderthalb Stunden pro Richtung. Peccioli selbst hat keinen Bahnhof, und an Sonn- und Feiertagen fahren deutlich weniger Busse – prüfen Sie die Rückfahrt, bevor Sie losfahren.
Peccioli in der Toskana: lohnt sich der Ausflug?
Wenn Sie zum ersten Mal in der Toskana sind, stehen Siena, San Gimignano und Pisa zu Recht weiter oben auf der Liste. Wer aber schon einmal hier war oder genug von Menschenmengen hat, findet in Peccioli etwas Seltenes: einen mittelalterlichen Ort, der sich nicht musealisiert hat, sondern weiterbaut. Weitere Vorschläge für Tagesausflüge finden Sie in unserem Artikel über Ausflüge in die Umgebung von Florenz; wer lieber mit Begleitung unterwegs ist, sieht sich die geführten Touren an.







